• Dr. Yvonne Reyhing

Mit Kindern über Krieg sprechen

Der Angriffskrieg auf die Ukraine macht uns alle fassungslos. Uns fehlen die Worte und wir haben Schwierigkeiten, mit der Situation umzugehen. Wie soll man etwas so Schreckliches mit seinen Kindern besprechen? Was bekommen sie im Kindergarten, in der Schule, in der Freizeit mit? Was macht das mit meinem Kind?

In diesem Beitrag möchte ich eure Fragen zu diesem Thema beantworten. Ich werde folgende Fragen für euch beantworten:

Ab welchem Alter sollte dieses Thema überhaupt angesprochen werden?, Wie soll ich das Thema ansprechen?, «Was hältst du vom Spielen mit Spielzeugwaffen?», Wie viele Details sind sinnvoll? Wie kann man die Balance zwischen Realität und kindlich behüteter Welt schaffen?, Wie kann man den Tod und das Sterben überhaupt erklären?

Neben meinen Antworten beantwortet Jule Serway-Seitz, einer Bestattungsmeisterin die letzte Frage zum Thema Sterben und Tod.


 

Ab welchem Alter sollte dieses Thema überhaupt angesprochen werden?

Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Zunächst würde ich dafür plädieren, bei Kindern bis mindestens 4 Jahren den Krieg nicht anzusprechen. Für sie ist das, was passiert, noch sehr abstrakt und schwer zu verstehen oder nachzuvollziehen. Daher sollten jüngere Kinder möglichst im Moment auch keine Nachrichten (mit)hören, Nachrichten (mit)ansehen etc. Allerdings werden die meisten Kinder das Thema mehr oder weniger intensiv mitbekommen. Menschen aus der Ukraine kommen hier an und überall wird darüber gesprochen, auch im Kindergarten unter den älteren Kindern kann der Krieg ein relevantes und viel besprochenes Thema sein. Daher ist es wichtig, sehr sensibel zu sein und auf mögliche Anzeichen zu achten, ob dein Kind etwas mitbekommen hat, das es nun beschäftigt.


Wie soll ich das Thema ansprechen?

Mit manchen älteren Kindern wurde sicherlich bereits in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn darüber gesprochen. Nun ist es wichtig, auch gegenüber diesen Kindern sehr sensibel zu sein. Was beschäftigt sie? Haben sie noch Redebedarf? Ein eindeutiges Angebot im Sinne von: Wenn du Fragen oder Sorgen hast oder einfach nur reden möchtest, kannst du jederzeit auf mich zukommen, kann dabei hilfreich sein. Es ist aber auch völlig OK, wenn dieses Thema für die Kinder dann erst mal erledigt ist.

Mit den jüngeren Kindern wurde der Krieg meist (noch) nicht direkt thematisiert. Aber wie bereits oben geschrieben, kann es gut sein, dass auch jüngere Kinder mit der Zeit etwas mitbekommen, was sie verängstigt oder ihnen Sorgen macht. Gerade weil sie es noch nicht einordnen können.

Wenn dein Kind mit konkreten Fragen auf dich zu kommt, versuch die Fragen ernst zu nehmen und möglichst ehrlich, aber altersentsprechend zu beantworten. Ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. Hilfreich können dabei auch Vergleiche aus der Lebenswelt deines Kindes sein. Beispielsweise kannst du die Situation anhand eines Streits zwischen Kindern auf dem Spielplatz erklären. Dass sich dort eben Erwachsene sehr doll streiten und nun andere Erwachsene helfen müssen, um zu schlichten. (Für viele Kinder wird das schon ausreichen. Wenn nicht, kannst du bspw. so weiter erklären:) durch diesen schlimmen Streit müssen nun viele Menschen erst mal von zu Hause weg. Sie werden jetzt in anderen Ländern, z. B. Deutschland aufgenommen und es wird ihnen geholfen. Sie bekommen ein neues Zuhause.

Je älter dein Kind ist, desto genauer kannst du werden. Versuche dabei, das Gespräch an konkreten Fragen deines Kindes auszurichten. Dann ist es für dich einfacher, den Punkt zu finden, wann dein Kind das Gefühl hat, genug zu wissen. Ebenfalls eine Möglichkeit ist es, über Bücher oder Geschichten mit deinem Kind ins Gespräch zu kommen.

Für manche Kinder kann es auch hilfreich sein, wenn mit ihnen gemeinsam konkret überlegt wird, wie sie helfen können. Denn das holt dein Kind aus einem Ohnmachtsgefühl heraus und gibt die Möglichkeit aktiv etwas zu tun.


Was vielleicht noch wichtig ist zu wissen: Es ist völlig normal, wenn dein Kind mit dir ein oder zwei Fragen dazu bespricht und dann völlig unbekümmert zurück ins Spiel geht. Der Krieg hat im Leben deines Kindes (zum Glück!) einen anderen Stellenwert.

Es ist ebenso normal und erst mal kein Grund zur Sorge, wenn dein Kind im Moment vielleicht auch mal kriegerische Szenen nachspielt. Dadurch verarbeitet dein Kind das was es mitbekommt.

In diesen Kontext passt auch eine weitere Frage von euch:


«Was hältst du vom Spielen mit Spielzeugwaffen?»

Diese Frage wurde mir schon öfter gestellt. Ich finde diese Frage sehr schwierig zu beantworten. Denn: Grundsätzlich fände ich es gut, wenn Waffen im Leben von Kindern keine Rolle spielen würden. Das sehen aber nicht alle Erwachsenen so und dadurch finden Waffen Einzug ins Spiel der Kinder, ob wir wollen oder nicht. Dann ist allerdings die Frage, wie wir am besten damit umgehen. Verbieten wir es, geben wir dem Thema einen großen Raum, machen es Wichtiger als es ist und belassen die Kinder gleichzeitig in einer Unwissenheit. Daher, denke ich, ist es wichtig, dieses Thema aufzugreifen, wenn es bei den Kindern relevant wird. Darüber sprechen, kindgerecht aufklären und auch hier: Fragen beantworten, denn oft bekommen Kinder Bruchstücke von anderen Kindern mit und wissen teilweise gar nicht so genau, was sie da spielen. Außerdem sollten wir dabei bedenken, dass die Bilder, die wir Erwachsene bei diesem Thema im Kopf haben, nicht das sein muss, was Kinder im Kopf haben. Beispielsweise hat meine Tochter vor kurzen einen, wie sie es nannte «Schießer» gebaut und um sich geschossen. Als ich sie fragte, was da aus ihrem «Schießer» rauskomme, meinte sie: «Na Farbe natürlich, was denn sonst?». Da hab ich mich ehrlich gesagt etwas ertappt gefühlt. Ich hatte direkt an eine Schusswaffe gedacht. In ihrem Kopf spielten sich aber ganz andere Bilder ab. Sobald sich dieses Verständnis von einem «Schießer» jedoch ändert, ist es mir wichtig, gewisse Regeln aufzustellen. Ich merke beispielsweise, dass ich große Probleme habe, wenn Kinder mit Spielzeugwaffen auf mich oder andere Menschen oder Tiere zielen.


Wie viele Details sind sinnvoll? Wie kann man die Balance zwischen Realität und kindlich behüteter Welt schaffen?

Bei dieser Frage kommt es sehr auf das Alter an. Je jünger, desto weniger Details. Denn für sie ist der Krieg zu abstrakt. Sie leben im hier und jetzt und in ihrer direkten Umwelt.

Bei allen Kindern gilt aber definitiv: absolut keine grausamen Details.

Bei einem Gespräch mit deinem Kind solltest du dich am Vorwissen deines Kindes orientieren und daran anknüpfen. Das geht am besten, indem du zunächst Fragen stellst, was dein Kind denn schon weiß, was es mitbekommen hat und vielleicht auch, was es sich darunter vorstellt. Wie weit du letztlich ins Detail gehst, hängt, wie schon gesagt vom Alter, aber auch vom Wissensbedürfnis deines Kindes ab. Für die meisten Kinder bis 5 wird das oben beschriebene bereits ausreichen. Manche wollen aber mehr wissen und fragen dann auch, teils sehr direkt nach. Dann kannst du schrittweise weiter ins Detail gehen.


Was ich noch insgesamt wichtig finde, ist das Thema Medien.

Um überhaupt etwas Kontrolle über das, was dein Kind über den Krieg mitbekommt zu haben, ist es im Moment noch wichtiger denn je, den Medienkonsum deines Kindes aktiv zu begleiten und dafür Sorge zu tragen, dass dein Kind keine Nachrichtensendungen mitbekommt, weder im Fernsehen noch im Radio oder Internet.


Wie kann man den Tod und das Sterben überhaupt erklären?

Zu dieser Frage habe ich die wunderbare Jule Serway-Seitz gebeten, eine Antwort für euch zu geben. Jule ist 31 Jahre und Bestattermeisterin.

«Viele Eltern haben oftmals Ängste, mit ihren Kindern über das Thema Tod zu sprechen. Aber das muss nicht sein. Wie mit vielem anderen sind Kinder in diesem Bereich oft noch sehr unbedarft und haben weniger Berührungsängste als Erwachsene. Wir empfehlen Eltern immer ganz offen mit Kindern über das Thema Sterben und Tod zu sprechen und diese auch beim Namen zu nennen. Sätze wie „Opa ist für immer eingeschlafen“ können sich problematisch auswirken, dass das Kind zum Beispiel Ängste vor dem (Ein)Schlafen entwickelt. Lass dein Kind außerdem gerne mitbestimmen, ob es zum Beispiel mit zur Trauerfeier kommen möchte. Dies ist auch für Kinder ein wichtiger Schritt in der Verarbeitung des Verlusts. So sehen sie, was mit dem Verstorbenen geschieht und können es besser nachvollziehen. Das Kind kann auch selbst noch etwas zum Abschied beitragen, in dem es zum Beispiel nochmals ein Bild für die verstorbene Person malt, welches man dann vielleicht sogar noch mit in den Sarg legen kann.»


 

Bei all dem ist eines ganz besonders wichtig: Sicherheit geben. Deinem Kind zu zeigen, dass es bei dir sicher und geborgen ist. Du es in seinen Emotionen begleitest und dabei unterstützt die Situation zu verstehen und einzuordnen.


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