• Dr. Yvonne Reyhing

Kinder und digitale Medien

In diesem Blogbeitrag geht es um das Thema digitale Medien im Leben unserer Kinder. Ich freue mich sehr, dass ich hierfür zwei Experten, Prof. Dr. Fabio Sticca und Prof. Dr. Thomas Merz gewinnen konnte. Um ein möglichst umfassendes Bild zu bekommen, habe ich Prof. Dr. Fabio Sticca gebeten, etwas zum Umgang mit Medien bei Kindern unter drei Jahren zu sagen und Prof. Dr. Thomas Merz schildert für euch seine Sicht zum Umgang bei Kindern über drei Jahren.

Ich wünsche ich euch viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Lesen!



Unser Alltag ist inzwischen geprägt von verschiedenen digitalen Medien. Insbesondere unsere Handys sind durch ihre vielfältige Nutzung sehr präsent. Telefonieren, Schreiben, Fotos und Videos machen sind nur die häufigsten Arten der Nutzung.

Während meine Eltern bei offenen Fragen noch ein Lexikon aus dem Regal nahmen, schaue ich heut schnell am Handy nach was ich nicht direkt weiß. Das erleichtert sicherlich vieles, stellt uns aber auch vor neue Herausforderungen. Eine davon ist, wie wir unseren Kindern den Umgang mit diversen digitalen Medien vermitteln wollen. Dazu gehört natürlich auch Entscheidungen wie: Wann, wie viel und was soll ich mein Kind an digitalen Medien zumuten bzw. erlauben? Wie kann ich die Nutzung kontrollieren? Muss/soll ich das überhaupt? Was ist zu viel, zu früh oder vom Inhalt her unpassend?

Während im Moment noch häufig vor allem Einstellungen und Glaubenssätze in vielen Diskussionen vordergründig sind, gibt es zum Glück auch schon Forschung zu diesem Thema und daraus abgeleitete Empfehlungen. Aus diesem Grund bin ich wirklich froh, zwei Experten aus diesem Bereich gefunden zu haben, von denen ich weiß, dass sie sich an qualitativ hochwertigen Forschungsergebnissen orientieren und eben auch selbst zu diesem Thema forschen und arbeiten.


 

Prof. Dr. Fabio Sticca arbeitet seit einigen Jahren unter anderem zu digitalen Medien in der Kindheit und hat hierzu auch ein Forschungsprojekt (KiDiM). Er arbeitete bis vor kurzem am mmi – Marie Meierhofer Institut für das Kind in Zürich und wechselte im Sommer als Professor für «Diagnostik und Förderung sozio-emotionaler und psychomotorischer Entwicklungsförderung» zur Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich.


Prof. Dr. Fabio Sticca empfiehlt für den Umgang mit digitalen Medien die Empfehlungen von Screen Sense (leider nur auf Englisch verfügbar).

In diesen Leitlinien wird zunächst betont, dass das Lernen von Kindern mit und durch Medien insbesondere dann gelingen kann, wenn wir Eltern uns daran beteiligen und es zu einer gemeinsamen Erfahrung machen. Um Bildschirmmedien zu einer interaktiven, bereichernden Lernerfahrung zu machen, werden insbesondere folgende Punkte genannt:


Gemeinsam schauen und darüber sprechen.

  • Filme oder Videos gemeinsam mit deinem Kind zu schauen, ermöglicht dir, mit deinem Kind darüber zu sprechen. Das kann zunächst einfach nur beschreibend sein, indem zu aussprichst, was du siehst (z. B. «Der Bär ist so hungrig. Er frisst einfach alles auf.»).

  • Ab zwei kannst du deinem Kind auch Fragen stellen, um es zum Nachdenken anzuregen (z. B. « Was versteckt sich hinter dem Baum?» oder «Was denkst du passiert als nächstes?»).

  • Rege dein Kind wann immer möglich zu Bewegung an, indem ihr gemeinsam nachmacht, was die Figuren auf dem Bildschirm tun. Wenn dort mit einem Ball gespielt wird, hol einen Ball hervor und mach verschiedene Ballspiele mit deinem Kind. Schwimmt im Film ein Fisch, macht gemeinsam mit den Armen Schwimmbewegungen.

Spielt bildschirmbasierte Spiele gemeinsam

  • Wann immer möglich, mach die Erfahrung interaktiv. Wechselt euch ab, um deinem Kind die Konzepte vom Teilen und Kooperieren näher zu bringen.

  • Auch hier gilt: Sprech mit deinem Kind über das, was es innerhalb des Spieles passiert um daraus eine sprachlich anregende Erfahrung zu machen. Beschreibe, was ihr im Spiel tut, was die Figuren machen oder mit den Gegenständen passiert. Sprich auch über die Auswirkungen der Handlungen und das Ziel des Spieles, um dein Kind beim Verstehen der Hintergründe zu unterstützen.

  • Nutze die Spiele als Chance, mit deinem Kind Ausdauer zu üben. Spiele können herausfordernd sein, vor allem dann, wenn dein Kind verliert. Überlegt gemeinsam, wie das Spiel anders angegangen werden könnte und ermutige dein Kind, aus Fehlern zu lernen und Scheitern als Teil des Lernprozesses anzuerkennen.

Stelle die Verbindung zwischen dem Bildschirm und der realen Welt her

  • Ihr habt eine Sendung über Tiere angeschaut? Wo in eurer Nähe gibt es diese (oder andere) Tiere? Sprecht darüber oder macht einen Ausflug dorthin. Stelle dabei immer wieder die Verbindung zwischen dem, was ihr auf dem Bildschirm gesehen habt und dem, was ihr in der realen Welt seht her.

  • Unterstütze dein Kind dabei Konzepte, die es in einem Film sieht, auch in der realen Welt anzuwenden. Beispielsweise die verschiedenen Farben oder Zahlen. Benenne diese auch in eurem Alltag und zählt gemeinsam verschiedene Gegenstände.

  • Oft erleben die Charaktere in Filmen kleinere oder größere Herausforderungen und Probleme. Deren Lösungsstrategien können oft auch für dein Kind in seinem Alltag hilfreich sein. Beispielsweise «Du bist ganz schön frustriert, weil es mit dem Puzzle einfach nicht klappen will. Was hat denn XY im letzten Video gemacht, als bei ihr etwas nicht gleich geklappt hat?»


Zudem hat Fabio euch auch noch ein No-Go im Umgang mit Medien verraten. Es geht dabei um Bildschirmzeit kurz vor der Bettzeit: Das ist nämlich eine schlechte Idee. Durch das blaue Licht des Bildschirms kann man nachweislich schlechter schlafen. Dies gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für uns Erwachsene.

Vielen Dank an Fabio für den wertvollen Hinweis auf Screen Sense sowie dieses wichtige No-Go.


Ich habe mich noch etwas auf der Seite von Screen Sense umgesehen und finde die FAQ sehr hilfreich, da hier auch Hinweise zur zeitlichen Dauer von Bildschirmmedien gegeben werden. Allerdings geben sie keine exakte Zeitspanne vor, sondern ermutigen uns Eltern zu überlegen, wie der Tag unseres Kindes insgesamt gestaltet ist, ob es ausreichend Zeit hat, um motorische, soziale und kognitive Erfahrungen in der realen Welt zu machen und dann zu entscheiden, wie viel Bildschirmzeit angemessen ist. Zudem betonen sie dabei, dass es einen großen Unterschied macht, ob das Kind alleine vor dem Bildschirm sitzt oder anhand der oben genannten Empfehlungen eine interaktive gemeinsame Erfahrung daraus wird.

Was ich ebenfalls einen wichtigen Punkt finde, ist der Hinweis, wie Inhalte ausgewählt werden sollten. Es ist eine schlichte, aber sehr hilfreiche Empfehlung: Es sollte an den Interessen und dem Entwicklungsstand deines Kindes orientiert sein. Ein Kleinkind, das gerade beginnt, Konzepte wie Farben oder Mengen zu verstehen, findet kleine Videos hierzu spannend und begleitet ein solches Video anzusehen kann durchaus hilfreich für dein Kind sein.



Nun aber zu den Tipps von Prof. Dr. Thomas Merz. Er ist Prorektor Forschung und Wissensmanagement sowie Dozent Medien und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen. Neben zahlreichen Expertentätigkeiten sowie beratenden Funktionen befasst er sich als Medienpädagoge schon seit vielen Jahren mit der Nutzung von Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen.



5 Tipps für den Umgang mit digitalen Medien für Kinder ab 3 und 1 No-Go im Umgang mit digitalen Medien

Von Thomas Merz



1. Gutes Leben findet mit und ohne Medien statt


Nehmen wir den wichtigsten Hinweis gleich an den Anfang. Oft wird auch in Ratgebern ein Bild vermittelt, als wäre Kinderleben nur dann gut, wenn es ohne digitale Medien stattfindet. Dies greift allerdings zu kurz. Medien sind immer nur Werkzeuge. Entscheidend ist stets, wie wir sie nutzen. Ein grundsätzlicher Kampf gegen digitale Medien lenkt die Energie in eine falsche Richtung und führt zu unnützen Auseinandersetzungen mit Ihren Kindern. Also: Kämpfen Sie nicht einfach nur um „weniger Medien“, sondern verfolgen Sie mit Ihren Kindern gemeinsam das Ziel, ein möglichst zufriedenes, lebenswertes, sinnvolles, interessantes Leben zu erleben.


2. Unterstützen sie vielfältige Erfahrungen


Medienerfahrungen können für uns sehr wertvoll sein. Gerade in den ersten Lebensjahren sind allerdings physische Erfahrungen von besonderer Wichtigkeit. Unterstützen Sie Ihre Kinder darin, vielfältige Erfahrungen zu machen... Spielen mit Sand oder Bauklötzen, Spielen im Freien mit zufälligen Gegenständen, die Sie dort finden, mit Steinen oder Eicheln, mit Laub und Holz oder mit Wasser ... dazu gehören aber auch Springen und Tanzen, Wandern oder einfach Herumtollen usw. Solche körperlichen Erfahrungen sind grundlegend für eine gesunde Entwicklung von Kindern und zugleich Voraussetzung für eine spätere Orientierung in digitalen Medien.


3. Fördern Sie soziale Begegnungen


Genauso wichtig wie physische sind soziale Erfahrungen. Begegnungen mit andern Kindern sind besonders wertvoll und entwicklungsfördernd. Mit andern zusammen spielen, singen, tanzen, musizieren, vielleicht mit Rhythmusinstrumenten, gehören zu den schönsten und wohl auch wertvollsten Kindererlebnissen. Aber auch mit andern Kindern streiten und sich wieder versöhnen gehören dazu. Bei all dem lernen Kinder, aufeinander einzugehen, zuzuhören, eigene Anliegen zu äussern, eine Gruppe zu organisieren ... das ist grundlegend, um später auch mit Medien zu kommunizieren. Denn technisch lernen Kinder rasch, auch neue Medien zu nutzen. Aber nur wer gelernt hat, sich auszutauschen, sich zu äussern, eigene Gedanken und Ideen einzubringen – und auf andere einzugehen und zuzuhören, kann auch Kommunikationsmedien sinnvoll nutzen.



4. Begleiten Sie Ihr Kind in der Mediennutzung


Es ist für Kinder wie für die Eltern befriedigender, wenn enge Grenzen in der Mediennutzung kontinuierlich erweitert werden. Schwieriger ist es, bereits etablierte Gewohnheiten von häufiger Nutzung wieder zu durchbrechen. Besonders wertvoll ist es, mit Kindern zusammen Medien zu nutzen. Erzählen Sie Bilderbücher, experimentieren Sie mit Fotos oder Videos, wählen Sie gemeinsam Bilder aus für das Kinderzimmer, schauen Sie miteinander die Gutenachtgeschichte und reden Sie miteinander darüber. Dabei lernen die Kinder, wie Sie selbst Medien nutzen, welche Fragen Sie sich dabei stellen, was Ihnen wichtig ist ... Wenn Sie mit Ihren Kindern zusammen Medien nutzen und erkunden, erfahren Sie auch sehr viel darüber, wie ihre Kinder denken und was sie beschäftigt.



5. Unterstützen Sie Ihr Kind auf dem Weg zu aktiver Mediennutzung


Kinder übernehmen nur teilweise, was wir ihnen pädagogisch vermitteln wollen. Zu einem grossen Teil „kopieren“ sie unser Verhalten. Kinder übernehmen auch unsere Gewohnheiten der Mediennutzung. Je mehr wir Medien aktiv, gezielt, geplant nutzen, umso eher übernehmen sie dies genauso. Wie erwähnt, sind klare Grenzen in der Mediennutzung wichtig. Dahinter steht allerdings stets das grundlegende Ziel, dass Kinder ihre Mediennutzung selbst planen und gestalten lernen. Dazu hilft es auch, sich (in jedem Alter) immer wieder die Frage zu stellen: Wie nutze ich Medien nicht einfach aus Gewohnheit, sondern so, dass sie mir zu einem lustvollen, interessanten, sinnvollen Leben dienen, dass sie unser Leben tatsächlich bereichern.



... und noch ein No Go ...


Kinder lieben (digitale) Medien. Das ist es verlockend, Medien auch einzusetzen, um Kinder ruhig oder zufrieden zu stellen. Werden Medien aber regelmässig eingesetzt, um Langeweile, Unlust, Enttäuschungen, Traurigkeit usw. zu bekämpfen, lernen Kinder keinen konstruktiven Umgang mit ihren Gefühlen. Wichtiger ist, auch schwierige, unangenehme Gefühle zu erleben – und einen aktiven Umgang damit zu finden. Mediennutzung behebt nicht die Ursache unangenehmer Gefühle, sondern gibt bloss kurzfristige Befriedigung. Medien können zwar Traurigkeit überdecken – aber sie ersetzen nicht Eltern, die dem Kind helfen, schwierige Momente und Gefühle zu ertragen und die eigentliche Ursache zu verändern.


Autor: Thomas Merz


Vielen Dank auch an Thomas für diese hilfreichen und vielfältigen Tipps!

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